BFH 12.7.2017, VI R 36/15

Abweichende Steuerfestsetzung bei außergewöhnlichen Belastungen

Aufwendungen i.S.d. § 33 Abs. 1 EStG sind grundsätzlich in dem Veranlagungszeitraum zu berücksichtigen, in dem der Steuerpflichtige sie geleistet hat. Eine abweichende Steuerfestsetzung nach § 163 AO ist atypischen Ausnahmefällen vorbehalten und kommt nicht bereits dann in Betracht, wenn sich Aufwendungen im Veranlagungszeitraum der Verausgabung nicht in vollem Umfang steuermindernd ausgewirkt haben.

Der Sachverhalt:
Die Kläger sind verheiratet und werden zur Einkommensteuer zusammen veranlagt. Die im Jahr 2004 geborene Tochter der Kläger ist schwer- und mehrfachbehindert. Sie wird im Elternhaus gepflegt und betreut. Im Jahr 2011 bauten die Kläger ihr Haus für insgesamt rd. 166.000 € behindertengerecht um, u.a. wurde einen Lastenaufzug eingebaut, ein mobiler Lifter, Rollstühle, Therapiegeräte sowie ein Spezialbett und eine Spezialbadewanne angeschafft.

Vorliegend ging es insbesondere um die Frage, ob die dem Grunde und der Höhe nach unstreitig als außergewöhnliche Belastungen (§ 33 EStG) abziehbaren hohen Haus-Umbaukosten zwingend im Abflussjahr zu berücksichtigen sind. Da dies hier dazu führte, dass sich die Kosten nicht in vollem Umfang steuerlich auswirkten, beantragten die Kläger die Verteilung der Aufwendungen aus sachlichen Billigkeitsgründen auf mehrere Jahre (§ 163 AO). Das Finanzamt lehnte eine Verteilung der Aufwendungen auf mehrere Jahre ab.

Das FG wies die hiergegen gerichtete Klage ab. Die Revision der Kläger hatte vor dem BFH keinen Erfolg.

Die Gründe:
Das FG hat die Voraussetzungen für eine abweichende Steuerfestsetzung aus Billigkeitsgründen (§ 163 AO) zu Recht verneint.

Bei der Entscheidung über eine sachliche Billigkeitsmaßnahme ist auf den Einzelfall abzustellen; sie bleibt atypischen Ausnahmefällen vorbehalten. Denn Billigkeitsmaßnahmen dienen der Anpassung des steuerrechtlichen Ergebnisses an die Besonderheiten des Einzelfalls, um Rechtsfolgen auszugleichen, die das Ziel der typisierenden gesetzlichen Vorschrift verfehlen und deshalb ungerecht erscheinen. Sie gleichen Härten aus, die der steuerrechtlichen Wertentscheidung des Gesetzgebers nicht entsprechen und damit zu einem vom Gesetzgeber nicht gewollten Ergebnis führen.

Mit § 33 EStG ist beabsichtigt, zwangsläufige Mehraufwendungen für den existenznotwendigen Grundbedarf zu berücksichtigen, die sich wegen ihrer Außergewöhnlichkeit einer pauschalen Erfassung in allgemeinen Freibeträgen entziehen. Aus dem Anwendungsbereich des § 33 EStG ausgeschlossen sind dagegen die üblichen Aufwendungen der Lebensführung, die in Höhe des Existenzminimums durch den Grundfreibetrag abgegolten sind. Es gilt insoweit das Abflussprinzip des § 11 Abs. 2 EStG, wonach Aufwendungen grundsätzlich in dem Veranlagungszeitraum zu berücksichtigen sind, in dem der Steuerpflichtige sie geleistet hat.

Wirken sich außergewöhnliche Belastungen in dem Veranlagungszeitraum, in dem sie geleistet werden, mangels eines hinreichenden Gesamtbetrags der Einkünfte nicht aus, sieht das Gesetz keine Möglichkeit vor, den restlichen Betrag in einen anderen Veranlagungszeitraum zu übertragen oder ähnlich der Regelung in § 82b EStDV auf mehrere Veranlagungszeiträume zu verteilen. Auch gilt der Verlustrück und -vortrag nach § 10d EStG nur für Einkünfte, nicht aber für außergewöhnliche Belastungen oder Sonderausgaben. Ebenso fehlt eine § 7 EStG oder § 82b EStDV vergleichbare Regelung in § 33 EStG. Eine Gesetzeslücke, die eine analoge Anwendung des § 7 EStG, § 82b EStDV oder § 10d EStG nahelegen würde, liegt nicht vor

Der Umstand, dass sich im Streitfall nicht der gesamte Betrag, den der Steuerpflichtige für den Umbau des Hauses aufgewendet hatte, auswirken konnte, weil den Ausgaben im Jahr ihrer Verausgabung ein zu geringer Gesamtbetrag der Einkünfte gegenüberstand, ist Folge der Entscheidung des Gesetzgebers für das in § 11 Abs. 2 EStG normierte Abflussprinzip i.V.m. dem Grundsatz der Abschnittsbesteuerung sowie dem Umstand, dass das EStG eine Verteilungsregel in andere Veranlagungszeiträume in einem solchen Fall nicht vorsieht. Darin ist auch kein den gesetzlichen Wertungen widersprechendes Ergebnis zu erkennen. Vielmehr ist die Steuerunerheblichkeit von den Gesamtbetrag der Einkünfte überschreitenden außergewöhnlichen Belastungen der einkommensteuerlichen Systematik, insbesondere der in § 2 EStG vorgegebenen Ermittlung des zu versteuernden Einkommens, geschuldet und kann daher in der Regel eine hiervon abweichende Steuerfestsetzung aus Billigkeitsgründen nicht rechtfertigen.

Linkhinweis:

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Verlag Dr. Otto Schmidt vom 18.08.2017 13:05
Quelle: BFH online

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